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Wahre Liebe überwindet alle Hürden

Wer den Graureiher mit langsamen Flügelschlägen über die Wasserwelt des Naturparks Schwalm-Nette ja fast schon gleiten sieht, ahnt, dass sie für ihn das reinste Paradies sein muss. Und die entspannten Gesichter der Besucher verraten, wie sehr sie die Ruhe in der einmaligen Flora und Fauna genießen. Fast könnte man bei der Idylle vergessen, welch bewegte Zeiten hinter dem Naturpark liegen. Saurer Regen, Militärgelände und ein näher rückender Braunkohlebergbau hielten die Mitarbeiter in den vergangenen gut 50 Jahren in Atem.

Ein Ausflug auf dem Hariksee. Quelle: Kreis Viersen

Alle Errungenschaften des Naturparks Schwalm-Nette sind also keine Selbstverständlichkeit und vielmehr ein Ergebnis eines langjährigen Prozesses. Seinen Anfang nahm er 1965 mit dem neuen kommunalen Zweckverband. Schutz und Pflege der Natur, aber auch die Nutzbarmachung des Gebietes für Erholungssuchende machte er sich zu Zielen.

Auch das Wandern macht im Naturpark Freude. Foto: J. Meiburg / Naturpark Schwalm-Nette

Liebe zur Natur vermitteln

Ist natürlich alles leichter gesagt als getan. Menschen, die wild parkten und querfeldein liefen, störten anfangs die Idylle. „In den ersten Jahren kam es vor allem darauf an, den großen Besucherandrang in geordnete Bahnen zu lenken“, erinnert sich Peter Ottmann, Vorsteher des Zweckverbandes. Und das geht am besten mit neuen Parkplätzen und Wanderwegen. Die Besucherlenkung hatte Erfolg – Schäden für die Natur wurden verhindert.

Es ging aber immer um mehr nur als den puren Erholungseffekt. „Es kam darauf an, den Menschen den Wert ihrer Umwelt vor Augen zu führen und sie für den Schutz und die Bewahrung der Tier- und Pflanzenwelt des Naturparks zu sensibilisieren“, erläutert Ottmann. Und so wurde auch die Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit zu einem zentralen Pfeiler der Arbeit im Naturpark. Biologielehrer wurde eingestellt und sie entwickelten ein umfassendes Unterrichtsangebot für die Schulen. Auch Exkursionen, Vorträge und Wanderungen vertiefen Jahr für Jahr das Verständnis für die Natur. Und mit ein bisschen Glück wird sogar mehr draus: „Wir wollen so die Liebe zur Natur vermitteln“, sagt der Verbands-Vorsteher. Scheint funktioniert zu haben: Viele, viele Menschen durchwandern und erobern Jahr für Jahr per Rad den Naturpark.

Ein genauerer Blick auf die Flora und Fauna der Heide. Foto: J. Meiburg / Naturpark Schwalm-Nette

Waldsterben als Bedrohung

Die Liebe wurde aber nicht selten auf die Probe gestellt. Hürden mussten überwunden, Lösungen gefunden werden. Ernst wurde es für den Naturpark etwa beim Waldsterben. Ein Thema, das aber auf allen Ebenen in Deutschland der 1980er Jahren heftig diskutiert wurde. Und eines, das für den Naturpark eine bittere Realität zeitigte: 78 Prozent der Kiefern und Fichten, so hieß es in einer Untersuchung, seien im Naturpark bereits krank. Der „saure Regen“ hatte also auch vor ihm nicht Halt gemacht – Luftverunreinigungen mit Schwefeldioxid hatten leider fast ganze Arbeit geleistet. Der Naturpark sah nicht tatenlos zu und verfasste eine Resolution, in der internationale Maßnahmen gegen die Waldschäden gefordert wurden. Zum Glück galt das auch für die Politik, die Maßnahmen zur Luftreinhaltung beschloss. Auch die Abschaltung vieler ostdeutscher Braunkohlekraftwerke nach der Wiedervereinigung half. 2003 erklärte schließlich die damalige Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast das „Waldsterben“ für beendet: Der Trend sei gestoppt.

Der Natur zuliebe wird der Borner See entschlammt. Quelle: Kreis Viersen

Tagebau rückt immer näher

Noch nicht beendet ist allerdings der Braunkohletagebau von Garzweiler. „Der Abbau kommt immer näher an den Naturpark heran“, berichtet die Dokumentation des Naturparks Schwalm-Nette, die zum 50-jährigen Bestehen des Areals erschien. Der Abbau bedrohe nicht nur die dort wohnenden Menschen, sondern auch die wertvollen Feuchtgebiete des Naturparks, die zwar teilweise kilometerweit vom Tagebau entfernt seien, denen aber permanent das Grundwasser entzogen werde, weil die trichterförmige Absenkung des Grundwassers bis nach Niederkrüchten und zum Naturschutzgebiet Elmpter Schwalmbruch reiche. Zwar speise der Betreiber des Braunkohletagebaus, die RWE Power AG, Ersatzwasser ein, „doch muss der Naturpark seit Jahrzehnten wachsam sein, um das ökologische Gleichgewicht, den Biotop- und den Artenschutz zu sichern.“

Zu den größten Problemen des Naturparks gehörten die vielen und zum Teil auch sehr großflächigen militärischen Anlagen, die mitten im Naturparkgebiet ihre Flächen dem Zugang der Menschen entzogen und damit jede Form der Erholungsnutzung verhinderten. „Ein Sechstel der Naturparkfläche war mit rund 20 Militäranlagen belegt, darunter vor allem britische Stützpunkte, aber auch Standorte der Amerikaner und der Bundeswehr“, bilanziert die Naturpark-Dokumentation. „Inzwischen sind sie fast alle aufgegeben.

Der Naturpark Schwalm-Nette beheimatet die größte Graureiherkolonie in ganz NRW. Quelle: Naturpark Schwalm-Nette

Graureiherkolonie die größte in NRW

Viele Flächen wurden dem Natur- und Landschaftsschutz zurückgegeben. Wie zum Beispiel das riesige Areal des ehemaligen Munitionsdepots in Brüggen-Bracht, das die Briten 1992 räumten und in dem sie fast alle Gebäude und Gleisanlagen beseitigten. „Heute ist diese Fläche ein wertvolles Naturschutzgebiet geworden, das sich gut zu Fuß oder per Rad erkunden lässt.“
Nach wie vor bleibt das ehemalige militärische Gelände auf seine Art einmalig: Denn Zäune sorgen seit jeher für eine gewisse Abgeschiedenheit und letztlich für eine ganz besondere Flora und Fauna. Im umzäunten Gebiet grasen eine Moorschnuckenherde und Wildpferde.

Zu entdecken gibt es im Naturpark aber noch viele, viele weitere Tierarten. Zum Beispiel die Graureiherkolonie, die größte in ganz NRW. Rund 76 Graureiher-Horste sind heute an den Krickenbecker Seen besetzt. Ein Ergebnis der Schutzmaßnahmen. Mit ihnen gelang es „nicht nur den Bestand zu erhalten, sondern ihn auch wieder zu vergrößern“, erklärt der Zweckverband. Der Graureiher stieg daraufhin zum Naturparksymbol auf. Eine bemerkenswerte „Karriere“, war der Brutvogel doch noch in den 1960er Jahren vom Aussterben bedroht.

Ein Blick auf den Borner See. Foto: J. Meiburg / Naturpark Schwalm-Nette

Ziegenmelker und Knabenkraut

Ein geschütztes Zuhause fanden auch andere seltene Tierarten. Der Moorfrosch, die Kreuzotter und der Ziegenmelker wurden heimisch. Wer genau hinschaut, entdeckt mit etwas Glück seltene Pflanzen wie das gefleckte Knabenkraut, den rundblättrigen Sonnentau und die Grauheide. Eine ganz bemerkenswerte Wasserlandschaft, Heideflächen, Äcker, Wiesen und Weiden machen das idyllische Areal bis heute zu einem einzigartigen Ausflugsziel. Oder um es mit den Worten des Naturpark-Zweckverbandes zu sagen: Ein buntes Mosaik aus Natur- und Kulturlandschaft prägt ihn. Damit sie bleibt, wie sie ist, und sich weiter entfaltet, ist das Engagement der angestellten und der vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter nach wie vor entscheidend.

Ein Wandel vollzog sich auch im Naturpark-Konzept. Heute geht die Verbandspolitik über das ökologische Verständnis hinaus. Kulturlandschaft und Kulturgeschichte gewinnen an Bedeutung. Auch arbeitsmarktpolitische und touristische Ziele rücken in den Fokus. Denn längst ist der Naturpark Schwalm-Nette zu einem Paradies für die Pedalritter geworden und passt sich damit perfekt in den Niederrhein ein. Und damit das so bleibt, wird der Naturpark-Verband auch in Zukunft ein wachsames Auge auf sein Areal werfen…

Michael Vehreschild

Neun grenzüberschreitende Wanderwege und 25 Wasserblicke
Der Naturpark Schwalm-Nette bildet einen Erholungsraum für etwa sieben Millionen Menschen im Einzugsgebiet von etwa einer Autostunde. Er erstreckt sich entlang der deutsch-niederländischen Grenze auf rund 435 qkm. Beteiligt am Naturpark sind die Kreise Heinsberg, Kleve und Viersen sowie die Stadt Mönchengladbach. Die Besucher können unter anderem auf neun grenzüberschreitenden Premium-Wanderwegen wandeln. Hinzu kommen 25 Wasserblicke. Abgerundet wird das Angebot mit Schutzhütten, Grillplätzen, Wanderparkplätzen, Aussichtstürmen und Aussichtsplattformen sowie Info-Tafeln und Schaukästen. Wechselnde Ausstellungen und drei Naturparkzentren setzen weitere Ausrufezeichen. Der Naturpark Schwalm-Nette hat in über 50 Jahren viele Brücken gebaut zwischen der Natur und den Menschen. Zum Beispiel durch die intensive Bildungsarbeit, die der Zweckverband betreibt. Von 1987 bis heute sind über 2500 Veranstaltungen mit rund 6000 Lehrern und ca. 50.000 Schülern durchgeführt worden. Auch die jährliche Baumpflanzung, der Wandertag auf den Hinsbecker Höhen, der Broschürenkalender mit etwa 400 Veranstaltungen im Jahr sowie der Online-Shop tragen zum Umweltbewusstsein bei. 2009 wurde der Naturpark Schwalm-Nette zum „Naturpark des Jahres“ in NRW gekürt.
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