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Posaunen wir es doch einfach mal heraus: Kay Keßler, der bei den Niederrheinischen Sinfonikern sein Geld verdient und seine Leidenschaft als Posaunist auslebt, steht nun – filmisch gesprochen – nicht mehr nur im Rampenlicht, sondern agiert jetzt auch hinter den Kulissen. Trompete defekt, Posaunenventil beschädigt? Kein Problem – lasst das mal den Duisburger machen…

Kay Keßler ist eben nicht nur Künstler, sondern auch handwerklich geschickt. Der über 50-Jährige nimmt das Instrument, dreht es, beugt sich drüber und findet schnell die Diagnose: Ein Teil ist verschlissen oder gebrochen. Mit fast chirurgischer Präzision wechselt er den „Übeltäter“ aus. Operation geglückt – dem Instrument kann wieder Leben eingehaucht werden.

 

Kay Keßler besitzt eine stolze Sammlung bei Blasinstrumenten.

Reparieren und restaurieren

Zunächst „verarztete“ Kay Keßler seine eigenen Posaunen und Trompeten. Beeindruckt von seinem Können, vertrauten ihm auch Bekannte ihr Instrument an. „Die Resonanz war groß“, freut sich der Duisburger und nahm sie zum Anlass, professionell Reparaturen anzubieten. Eine Offerte, die gerne angenommen wird. Zu seinen Kunden gehören mittlerweile ganze Bläserklassen und Musikgymnasien.

Aber wie beim Spielen von Posaune oder Trompete ist das Erneuern von Instrumenten mehr als bloßer Broterwerb. Stolz ist Kay Keßler vor allem auf selbst restaurierte Instrumente. „Es ist äußerst faszinierend, die ‚Seele’ eines mit Patina und Spinnweben entdeckten Instrumentes zu wecken.“

 

Gerne mit Gebrauchsspuren

Beim Spielen und Reparieren blieb es aber wieder nicht. Das eine oder andere wohlklingende Stück reihte er in seine Sammlung ein. „Durch meine vielen auch internationalen Kontakte mit Musikern und Sammlern werden mir einfach sehr viele Instrumente angeboten. Oder ich bekomme sie zur Reparatur gebracht und kann sie erwerben.“

Wer vermutet, dass prinzipiell nur Oldies Goldies sind, irrt sich. „Es gibt wunderbare Instrumente aus moderner Fertigung“, betont Kay Keßler. Die Instrumentenbaukultur hierzulande sei ein echter Kulturschatz. „Ich selbst bevorzuge jedoch für den täglichen Einsatz amerikanische Instrumente aus den 1950er und 1960er Jahren, teils aus klanglichen, teils aus ästethischen Gründen.“ Für den verheirateten Musiker muss es nicht die perfekte Optik sein. „Ich mag Instrumente gern auch mit sichtbaren, kleinen Gebrauchsspuren.“

In die Jahre gekommene Posaunen und Trompeten ohne Macken – gibt’s eh kaum. „Die allermeisten meiner Instrumente mussten restauriert werden, das macht für mich gerade den Reiz aus.“ Sind Ersatzteile zu rekonstruieren, sei das zwar viel Aufwand, aber dank eigener Drehbank in seiner Werkstatt machbar. Nur „Arbeiten, die zu spezialisiert sind, wie der Einsatz von Chemikalien oder Lackarbeiten, erledigen Instrumentenmacher, von denen ich zum Glück einige kenne.“

 

Die Ophicleide zeichnet eine voller Akustik und einen tieftönenden Klang aus. Die Tuba beendete noch im 19. Jahrhundert den steilen Aufstieg dieses Blasinstrumentes. Heute ist die Ophicleide ein Sammlerobjekt. Foto: Tomislav Novak

Ein kurzes Leben

Manches aus seiner Sammlung mag der Duisburger besonders. „Meine Lieblingstrompete ist mir sehr ans Herz gewachsen, sie stammt aus den 1950ern. Und eine Ophicleide, Baujahr 1830, in die Hand zu nehmen, ist ein besonderes Gefühl.“ Die „Klappenschlange“, wie er das Instrument augenzwinkernd nennt, kennen nur wenig Musiker. Sie ist selten und wird fast nicht mehr gespielt. Nicht, weil die Ophicleide für keinen ausreichenden Wohlklang sorgte, sondern weil sie, bedingt durch die Entwicklung der Ventil-Instrumente, ein „kurzes Leben“ hatte.
Womit wir mitten in der Instrumenten- und Musikgeschichte wären. Zwischen 1820 und 1840 schwor man noch auf die Ophicleide. Sie hatte endlich das, was den Bassinstrumenten jener Zeit noch fehlte: eine volle Akustik für voluminöse Orchesterklänge, ein gerüttelt Maß an Lautstärke und einen tieftönenden Klang. Die robuste, technisch ausgefeilte Tuba ließ die kurze Blütezeit der Ophicleide aber welken. Das Exemplar von Kay Keßler blüht jedenfalls in seinen Händen wieder auf – bei Konzerten greift er gerne mal zu diesem Blechblasinstrument.
Und so haben sich bereits einige Instrumente angesammelt. Rund 15 setzt er beruflich als Musiker ein, hinzukommen Restaurationsobjekte.

Schatz oder nur Schrott?

Was aber ist es wert, gesammelt zu werden? Mit Erfahrung könne man erkennen, was da genau vor einem liege oder auf dem Bild zu sehen sei. „Oft sind es winzige Details, die erkennen lassen, ob das ein alter Schatz oder nur Schrott für die Wand-Deko ist.“ Der materielle Wert ist bei alledem zu vernachlässigen. Auch museale Gründe treiben ihn nicht an. „Der ideelle und Seltenheitswert ist ausschlaggebend.“
Für Kay Keßler ist das Anhäufen von Instrumenten kein Selbstzweck. Als Musiker will er sie spielen. „Mich begeistert diese einzigartige, totale Verbundenheit mit dem angestrebten Klang: Die Lippen müssen schwingen, um einen – sehr persönlichen – Sound zu formen. Das gibt es in dieser Form nur beim Blech.“

 

Klassisch gut: die Niederrheinischen Sinfoniker. Kay Keßler gehört den Sinfoniker bereits seit 1991 an. Foto: Matthias Stutte

Liebe auf den ersten Blick

Seine Begeisterung ist greifbar – seine Musik ist neben seiner Ehe sein Lebensinhalt. Zu dem fand der Duisburger bereits mit 13 Jahren, als er seine erste Trompete erhielt. „Das war Liebe auf den ersten Blick.“ Und sie wird seit über 25 Jahren erneuert. Seit 1991 ist er bei den Niederrheinischen Sinfonikern in Krefeld/Mönchengladbach fest angestellt. Seine musikalische Visitenkarte gab er außerdem beispielsweise beim WDR-Rundfunkorchester Köln, bei den Düsseldorfer Symphonikern, im Gürzenich Orchester Köln und beim Starlight Express Bochum ab. Sie alle schätzen sein Spiel auf der Tenor- und Altposaune, der Trompete, Basstrompete, dem Euphonium, Bariton, Althorn oder auf Sopranposaune und Ophicleide.

So hört sich ein glücklicher Mensch an, auch wenn wenig Zeit für weitere Hobbys bleibt. Wie sagt man gleich: Ein Leben für die Musik. Viel mehr braucht es nicht.

Michael Vehreschild

 

Info-Box: Ein Leben für Musik

Kay Keßler spielt nicht nur – hörbar – ausgezeichnet. Dass er ein ausgewiesener Könner seines Fachs ist, hat er auch schwarz auf weiß. 1991 bestand der Duisburger die künstlerische Abschlussprüfung an der Folkwang Hochschule Essen im Fachbereich Orchester, Hauptfach Posaune, sein Konzertexamen legt der Duisburger zwei Jahre später ebenfalls an der Folkwang Hochschule ab. Heute betreibt er Instrumentenhandel und -reparatur gewerblich. Hauptberuflich spielt Kay Keßler bei den Niederrheinischen Sinfonikern. Aber auch abseits des Orchestergrabens lässt ihn die Musik nicht los. Im Duo „Jazzelemente“ mit Thomas Schlink (E-Bass) greift er zu Trompete, Posaune und Flügelhorn.