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Imponierend ist dieser ausgewachsene Harris Hawk. Foto: Marie-Christine Kuypers.

Für jeden Greifvogel den passenden Job

Nepo, Baltasar, Theo und Don haben ein erfülltes Leben, denn sie werden gebraucht. Und mit Recht darf gemutmaßt werden, dass diese Bussarde ihren „Job“ gerne machen. Ihr Job: Sie vergrämen andere Tiere von Orten, wo sie nicht erwünscht sind, und sie gehen auf die Jagd. Ihre Chefs, das sind die Falkner Wilhelm und Ulrike Schnabel von der Greifvogel-Station Niederrhein am Tierpark Weeze. Das Ehepaar betreut außerdem die Greifvogel- und Wildtierauffangstation Kleve e.V. – wo Vögel wieder fliegen lernen.

Das Greifvogelfieber hat Wilhelm Schnabel schon vor 30 Jahren „gepackt“. Es ist nie verklungen. Auch heute noch widmet er sich den Tieren mit ganzem Herzen und ist als Inhaber und Betreiber der beiden Stationen fast rund um die Uhr im Einsatz. 70 bis 80 Stunden an sieben Tagen sieht er nach den Bussarden, Habichten, Uhus, Falken und Adlern. „Sie essen doch auch jeden Tag etwas“. Kein Widerspruch!

greifvogel-station-niederrhein-p1040358Jeden Tag auf die Waage

Wer sich um Greifvögel kümmert, darf nicht zimperlich sein. Die Mitarbeiter greifen , ohne zu zögern, in eine Kiste mit leblosen Hühnerküken. Denn das ist nun mal die beliebte Speise der Beutegreifer. Das lernen die Neulinge schnell.

Neben dem Reichen von Wasser und Reinigen der Unterbringungen gehört auch das Wiegen zum täglichen Ritual. „Sind die Greifvögel zu schwer, wollen sie nicht fliegen“, erläutert Falkner und Jäger Wilhelm Schnabel. „Erhalten sie daher weniger Futter, bekommen sie mitunter schlechte Laune“, erzählt er augenzwinkernd.

Und dann kommt für die Tiere der Höhepunkt des Tages. Der Abflug in Gefilde, wo allein sie regieren. Die Greifvögel drehen ihre Runden, vergessen bei all der Freiheit aber nicht, wo ihr Zuhause ist. Sie kommen immer zurück zur Station. Manche kennen ihren Namen, andere hören auf Pfeifgeräusche. Bei einer Pfeife ist der Falkner übrigens austauschbar.

Aber wer glaubt, irgendwie seien die Greifvögel gleich, irrt. Wüstenbussarde sind personenbezogen – zu jedem Mitarbeiter gehört also ein solcher Bussard. Weniger wählerisch sind die Mäusebussarde. Sie fliegen zu jedem. Und ein Leckerli aus Fleisch im Handschuh zieht natürlich immer.

greifvogel-station-niederrhein-p1040359Vergrämen und jagen

Jedes Tier hat einen Namen und jedes Tier ist irgendwie anders. Das eine ist eher hektisch, ein anderes kann nichts erschüttern. Und es hat, wie gesagt, eine Aufgabe. „Wir haben keinen Vogel, der nicht in Arbeit steht“, betont Schnabel. „Für jeden Vogel gibt es den passenden Job.“

So wirft der größte Bewohner, der 15 Jahre alte Steinadler Eika, zwei Augen auf Sommerwildgänse und vergrämt sie, verscheucht sie also. Bei einer Flügelspannweite von rund zwei Metern hat er leichtes Spiel. Nichts wie weg, kann es nur heißen. Bussarde dagegen kümmern sich um Enten, Tauben und Kaninchen. Die Wüstenbussarde erhalten vom Falkner ein Extra-Lob: „Sie sind spitzenmäßige Jäger.“

Missionen gibt es für die Bewohner der Falknerei genügend – Städte und Gemeinden oder Unternehmen greifen gerne auf ihre Dienste zurück. Haben sich etwa Tauben auf einem Friedhof zu breit gemacht, kümmern sich die Wüstenbussarde um das Problem. „Wo man aus sicherheitstechnischen Gründen oder ethischen Gründen nicht die Schusswaffe verwenden kann, kommen Greifvögel zum Zug“, erläutert Schnabel. Zudem sei die Akzeptanz in der Bevölkerung größer als beim Gebrauch einer Waffe. Die Falknerei ist lautlos, lässt niemals krankes oder verletztes Wild zurück und ist ungefährlich für Mensch und Natur.

Stets gut gelaunt ist Waschbär Struppi, der auch auf dem Gelände der Greifvogelstation lebt.Foto: Michael Vehreschild

Stets gut gelaunt ist Waschbär Struppi, der auch auf dem Gelände der Greifvogelstation lebt. Foto: Michael Vehreschild

Tabus für die Beutegreifer

Und wer hätte das gedacht: Die Beutegreifer wissen durchaus, was sie dürfen und was nicht. Die Gänse auf dem Gelände der Station brauchen ihre Krallen nicht zu fürchten. Sie sind tabu für die Herren der Lüfte. Eine gewisse Erziehung hat also noch niemandem geschadet – auch Greifvögeln nicht…

Michael Vehreschild

 

 

 

 

greifvogel-station-niederrhein-p1040368Eine Ambulanz für den Notfall

Neben der Greifvogel-Station Niederrhein betreibt Wilhelm Schnabel auch die Greifvogel- und Wildtierauffangstation Kleve e.V. Schnabel rief sie am 1. November 1997 im Tiergarten Kleve ins Leben – bis dahin hatte es im Kreis Kleve keine Anlaufstelle für diese Tiere gegeben.

Notwendig wurde die Station, weil Greifvögel zu den besonders gefährdeten Tierarten gehören, die vom Aussterben bedroht sind. Umweltgifte und die Kultivierung der Landschaft führten zunehmend zu Erkrankungen oder sogar zum Tod der Beutegreifer.

2008 zog die Station in den Vogelpark Plantaria nach Twisteden, wo gleichzeitig die Falknerei entstand. Es folgte ein weiterer Umzug nach Bedburg-Hau und im September 2011 schließlich der Einzug neben dem Tierpark Weeze, Hertefeld 3.in den Tierpark Weeze, Hertefeld 3.

Die Auffangstation ist mit einer Notfallambulanz und einer Trainingsanlage zur Vorbereitung auf die Auswilderung ausgestattet. In enger Zusammenarbeit mit Tierärzten und den zuständigen Fachbehörden werden die gefiederten Patienten nach erfolgreicher Behandlung und Pflege wieder in die Freiheit entlassen. Hunderte von Tieren wurden bisher gepflegt. Mittlerweile ist der Tierpark Weeze zur Anlaufstelle für Behörden und ratsuchende Bürger geworden.

Die Greifvogel- und Wildtierauffangstation Kleve wird im Auftrag des Kreises Kleve betrieben. 2016 hat die Station knapp 600 Tiere in 67 Arten aufgenommen.

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Falknerin Ulrike Schnabel (li.) mit einem Uhu. Foto: Michael Vehreschild.

Falkner für einen Tag

Wer Interesse hat, kann auch auf Tuchfühlung mit der Station gehen. Schulklassen und Kindergärten sind zum Sachkundeunterricht eingeladen, eine Anmeldung ist erforderlich. Es werden Führungen durch die Falknerei angeboten und von März bis Oktober sind bei gutem Wetter an den Wochenenden Flugvorführungen jeweils um 15 Uhr im Tierpark Weeze zu bestaunen. Sehenswert ist die Showfalknerei und wer mag, wird Falkner für einen Tag.

Infos unter Tel. 0170 9725 405.