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Ein kaiserlicher Sonderzug passiert 1903 die Strecke.

Was mögen Königinnen und Könige, Prinzessinnen und Prinzen und Präsidenten wohl gedacht haben, als sie über die Boxteler Bahn den Niederrhein durchquerten? Vermutlich verlor sich ihr Blick in den Wäldern und Feldern der Region, höchstwahrscheinlich waren sie entzückt von den idyllischen Dörfern und Städtchen an der Strecke. Die historische Bahnstrecke zwischen Wesel und Boxtel (NL) war Teil der schnellsten Ost-West-Verbindung – 1950 wurde aber der Personenverkehr eingestellt. Um die Geschichte heute erlebbar zu machen, wurde die Radroute „Auf den Spuren der Boxteler Bahn“ mit einer Länge von etwa 155 Kilometern entwickelt. Eine Zeitreise in die Eisenbahngeschichte am Niederrhein.

Die Boxteler Bahn war ab 1873 bis weit ins 20. Jahrhundert ein wichtiges Teilstück der meistbefahrenen Ost-West-Verbindung zwischen den Metropolen London – Berlin – St. Petersburg, für Personen und Güter gleichermaßen. Niederländische und deutsche Pilger erreichten mit der Bahnverbindung ihre Wallfahrtsziele in Kevelaer, Boxmeer, Handel und Boxtel. 1877 wurden knapp 190.000 Personen über diese Strecke befördert, 1913 zur Hoch-Zeit waren es stattliche 876.000.

Hier geht es lang bei der Radroute zur Boxteler Bahn.

Infotafeln am Streckenrand

Reichlich Geschichte also, die es lohnt, entdeckt zu werden. Auf die Strecke geht es am besten mit der Fahrrad- und Erlebniskarte, die kostenlos etwa bei den Touristinfos der beteiligten Städte und Gemeinden, den Kreisen Kleve und Wesel erhältlich ist, weitere Infos gibt‘s auch unter www.boxtelerbahn.eu. Der Streckenverlauf ist auf dem deutschen Gebiet durchgängig mit dem Logo der Boxteler Bahn/Duits lijntje markiert. Auf der niederländischen Seite folgt man am besten einfach dem Knotenpunktsystem. Darüber hinaus wurden längs der Strecke zahlreiche Infotafeln mit wissenswerten Informationen, unterhaltsamen Anekdoten oder historischen Fotografien aufgestellt.

Start der Radroute ist in Wesel, für die Route eine unverzichtbare Station: Um die Jahrhundertwende herrschte am Bahnhof Wesel reger Verkehr – internationale Züge machten hier einen Zwischenstopp. Auch eine gute Gelegenheit für Radtouristen, gut gestärkt auf die Strecke zu gehen. Vielleicht auf der neu gestalteten Fußgängerzone von Wesel. An ihrem östlichen Ende beeindruckt das Berliner Tor, das zwischen 1718 und 1722 im preußischen Barock errichtet wurde. Es ist Teil der ehemaligen Stadtbefestigungsanlagen. Wesel besaß übrigens mit 1.950 Metern um 1874 die längste Eisenbahnbrücke Deutschlands.

Wasserlandschaft bei Xanten-Lüttingen

Eisenbahn unter Wasser

Auch in Büderich konnten die Fahrgäste in die Boxteler Bahn einsteigen – und etwa nach Berlin und Basel durchfahren, ohne umzusteigen. Nächster Halt: Alpen-Menzelen. Beim Jahrhunderthochwasser 1926 stand die Eisenbahnanlage ein Meter unter Wasser, der Zugverkehr stand still. Bahnwärterhäuschen prägten die Zugstrecken. Allein auf der Strecke Boxtel – Wesel gab es 88 Schrankposten. Zum Beispiel auch am Wesendonksweg in Xanten-Ursel. Da die Schnellzüge tags und nachts fuhren, wurden an den Übergängen auch immer Bahnwärterwohnungen errichtet, in denen die Familien der Bahnwärter wohnten.

Apropos Xanten: Die Römer-, Dom- und Siegfriedstadt ist mit ihrer über 2000-jährigen Geschichte natürlich immer eine Reise wert. Neben der wunderbaren Altstadt verfügt der Luftkurort auch über den Archäologischen Park und das Freizeitzentrum Xanten. Kultur und Erholung lassen sich hier bestens verbinden.

Über Labbeck geht die Radtour weiter nach Uedem mit dem Haltepunkt Uedemerbruch. Zwischen 1886 und 1888 wurde das heutige Restaurant „Villa Reichswald“ als Erholungsheim für Bahnmitarbeiter errichtet. Wieder eine gute Gelegenheit für eine Rast.

Die Station Liempde; Foto: Mario Graat

Sehenswerte Schlösser

Noch erhalten ist ein Bahnwärterhaus von 1900 an der Bergstraße in Uedem. Nicht nur Fahrgäste stiegen zu, Güter wie Kohle und landwirtschaftliche Erzeugnisse wurden hier verladen. In Uedem lassen sich „Zeitzeugen“ der Route finden. 1897 wurde ein Bahnhof gebaut, der schließlich in den 1980er Jahren saniert wurde und heute als Wohnhaus genutzt wird.

Die Radroute führt nun nach Weeze. Für den Neubau des Schlosses Kalbeck errichtete man 1906 ein Entladegleis. Was man nicht ahnen konnte: Das neu erbaute Schloss wurde 1945 durch einen Brand stark beschädigt, in der Nachkriegszeit aber zum Teil wieder aufgebaut.
Auf dem Gemeindegebiet von Weeze befindet sich auch das Schloss Wissen. Das Wasserschloss, im 14. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt, gilt als einer der bedeutendsten Adelssitze am Niederrhein. Sehenswert.

In Gennep ist noch eine Dampflokomotive zu bewundern. Foto: Laura Vallenga

Uriger Marktplatz

Schlecht ergangen ist es dem Bahnhof Goch, unserer nächsten Station, der schon 1878 in Betrieb genommen wurde: Im Zweiten Weltkrieg wurde er völlig zerstört. Geschichtsträchtig und – auch durch mehrmalige Instandsetzungen – noch immer ein Blickfang ist das 1371 erstmals erwähnte Steintor. Auf dem urigen Marktplatz lässt es sich auch gut Rast machen. Anschließend empfiehlt sich ein Besuch des Museums Goch. Mit seiner Sammlung spätgotischer Skulpturen des Niederrheins bis zur jungen Gegenwartskunst vereint das Museum 600 Jahre Kunstgeschichte.

Nun wird erfahrbar, dass die Boxteler Bahn eine grenzüberschreitende Bahnlinie war, die in den Niederlanden übrigens „Duits Lijntje“ genannt wurde. Erste Stand hinter der Grenze: Gennep. Das Museum „Het Petershuis“ hat mit einem markanten mittelalterlichen Haus ein schönes Domizil erhalten. Eine historische Sammlung beherbergt beispielsweise Keramikkultur der Region und die Genneper Eisenbahngeschichte. Ein gutes Stichwort: In den 1980er Jahren wurde ein restauriertes preußisches Modell von 1924 zur Erinnerung an die Bahnlinie gegenüber des früheren Grenzüberganges aufgestellt. Übrigens eignet sich auch Gennep für eine Pause.

Bei Mill sind noch Schienen-Reste der Boxtel Bahn zu sehen. Foto: Martijn van Vulpen

Alte Kulturlandschaft

Auf niederländischer Seite warten auf den Radfahrer Stationen in Oeffelt-Gennep/Maasbrücke, in Volkel mit einem Besucherzentrum, Uden und Veghel. Nun durchquert man per Rad die Maasheggenlandschap, die älteste Kulturlandschaft. Zwischen von Hecken umgebenen Wiesen und alten Flussbetten der Maas lässt sich die atemberaubende Aussicht über Maas und Moränen genießen. Hübsch sind außerdem die pittoresken Dörfer Beugen und Oeffelt.

Über Mill führt die Route nach Zeeland. Im Vorgarten eines ehemaligen Gleiswärterhäuschens weckt ein altes Stück Gleis Erinnerung an die Boxteler Bahn. Sogar ein rot-weißes Andreaskreuz des früheren Bahnübergangs ist in der Nähe des Haltepunktes zu finden. Der nächste Haltepunkt, Schijndel, verfügt noch über einen alten Bahnhof, der heute ein Kulturdenkmal ist, aber mittlerweile als Wohnhaus genutzt wird.

Spurensuche…

Ende einer (Bahn) Zeitreise

Letzte Station ist Boxtel. Der im Jahr 2000 angelegte Boxteler-Bahn-Platz soll an den deutschen Namen der Bahnlinie erinnern. Wer die Trasse in Richtung Ortszentrum entlang geht, kann sich außerdem das Schloss Stapelen ansehen. Ein schöner Anblick am Ende einer (Bahn) Zeitreise.